Bash Back! war eine Art Bewegung, eine Art lose Organisation anarchistischer Queers. Ursprünglich hatte Bash Back! zum Ziel anarchistische Queers in den USA für Gegenaktionen gegen die Republican National Convention und die Democratic National Convention1 zu vernetzen. Dafür trafen sich 2008 hunderte anarchistische Queers in Chicago. Daraus entstand jedoch Bash Back!, eine lose Vernetzung mit gemeinsamem Namen, die sich im Laufe der nächsten zwei Jahre in den USA und darüber hinaus verbreitete und eine Art Label für viele Gruppen, Aktionen und Texte wurde. Im Laufe des BB! Zusammentreffens 2009 in Chicago kam es dann zu den Ereignissen, die im folgend abgedruckten Interviewauszug erzählt werden. Diese wiederum waren Anlass für die Veröffentlichung des danach abgedruckten Textes kurz vor dem nächsten gemeinsamen Zusammentreffen von Bash Back! 2010 in Denver. Das Zusammentreffen 2010 sollte dann auch den Tod von Bash Back! erklären.
Auszug aus einem Interview mit der Mary Nardini Gang
(von Vengeance 3)
Kannst du über die Aktionen reden, die in der Zeit um die Bash Back! Konferenz herum stattfanden und über deine Enttäuschung gegenüber einigen Leuten, die auf diese Aktionen reagierten?
Beim Bash Back! Zusammentreffen, eine Besetzung eines Partyzugs. Die temporäre Besetzung war eine absurde Mischung aus Tanzen, Rummachen und einer Kakophonie an lächerlichen Parolen und Gesang. Dies erschuf eine Situation, in der Menschen eine Menge Verwüstungen anrichteten, im dem sie den Zug demolierten und ihn als queeren Raum zurückforderten. Dann verließ eine spontane Demo den Zug. Die Demo attackierte Luxusautos und zerrte Scheiß auf die Straßen.
Jemand aus der Demo begann Zeitungskästen von der Straße zurück auf den Gehsteig zu zerren und rief „das ist ein friedlicher Protest.“ Nachdem die Zeitungskästen entfernt waren, fuhr ein Polizeistreifenwagen wortwörtlich jemandem über den Fuß und Beamt*innen begannen Leute mit ihren Teleskopschlagstöcken zu verprügeln. Vier Personen wurden verhaftet.
Am nächsten Tag starteten alle vom liberalen, aktivistischen Typ eine Schimpftirade, in der sie die Ereignisse der letzten Nacht verurteilten.
Eine aufschlussreiche Anekdote: Drei weiße Personen stehen in einer Reihe auf und bezeichnen die Besetzung als rassistisch, weil es People of Color in dem Zug gab. „Da waren People of Color, die faktisch in Chicago in diesem Zug leben! Sie sind eigentlich Zeil der Community! Das ist rassistisch! Leute waren unhöflich!“ Dann antworten zwei weiblich gelesene Personen of Color, die in Chicago leben, dass sie alle abstoßend finden. „Bei Bash Back! geht es nicht darum, höflich zu sein oder nett. Bash Back! bedeutet Normalität den Kampf anzusagen und diese zu zerstören. Das wird unhöflich sein. Das wird chaotisch sein! Wenn du da keinen Bock drauf hast, dann bist du hier falsch.“ Einen Moment lang sind alle still. Dann geht es einfach so weiter [then the stack continues].
Die beiden werden ignoriert und noch mehr weiße Aktivist*innen machen damit weiter zu sagen, dass die Aktion rassistisch war und für People of Color entfremdend. Es ging weiter, als Leute über „weiße Dudes mit Passing Privilegien“ redeten, die die Situation anzettelten.
Ich bin wirklich angeekelt von den Aktionen und Gefühlen einiger Leute an diesem Tag, wegen ihrer Komplizenschaft mit der Polizei und ihrem Silencing von allen Körpern, die nicht weiß, cis und männlich waren.
Einige aufzuwerfende Fragen vor dem Bash Back! Zusammentreffen in Denver:
Was ist Bash Back!? Ist Bash Back! ein Netzwerk? Eine Organisation? Eine Gang? Eine Strömung [tendency]?
Wenn wir ein Netzwerk sind, was finden wir dann ineinander wieder? Was haben wir gemeinsam? Ein Verlangen? Eine Leidenschaft? Eine Strategie? Eine Ideologie? Oder einfach eine Identität, ein Name?
Wenn BB! eine Organisation ist, sind wir von Anfang an verloren. Wir können nur eine Zukunft erwarten, die mit stark moderierten Plena gefüllt ist, bis wir nichts weiter sind als ein arrogantes Hipster-Treffen in einem Buchladen, das fast sechs Monate braucht, um auch nur irgendetwas zu planen oder zu schreiben. Sollten wir jemals eine Mitgliederliste haben, dann rechnet nicht mehr mit uns.
Wenn wir eine Gang sind, was ist unser Ritual? Wie sollen wir kämpfen? Wie entscheiden wir, wer dazugehört und wer nicht? Auf welche Art und Weise können wir unsere Mittel zum Überleben teilen? Was sind die besten Wege, um uns gegenseitig den Rücken zu stärken? Wie schränken die Fallen von Aktivismus und Organisation uns ein? Noch wichtiger, wie süß ist unser Outfit? Haben wir unsere Tanzschritte trainiert? Wenn wir eine Gang sein wollen, haben wir ganz schön viel zu tun.
Wenn wir eine Strömung benennen, wie gehen wir vor, dass diese Strömung sich wie Feuer verbreitet? Wie stellen wir sicher, dass diese Strömung den Sackgassen der liberalen Identitätspolitik und/oder des Intellektualismus und/oder des Aktivismus entflieht? Wie finden wir die Komplizenschaft mit anderen Lebensformen, die zurückschlagen [bash back]? Wie können wir diese Welt zum Explodieren bringen?
Ist unsere Gewalt echt oder Schein?
Machen wir Witze, wenn wir über Gewalt schreiben? Was bedeutet das Bild von wunderschönen Menschen mit Baseballschlägern und Vorschlaghämmern in den Händen? Ist das Symbolismus? Ist es real? Hat das irgendeine Bedeutung zurückzuschlagen [to bash back]?
Hier gehen die Wege auseinander. Werden radikale Queers weiterhin dem Weg der Scheinmilitanz folgen; dem Weg der Irrelevanz? Wenn dem so ist, können wir weiter Filme und Fotos erwarten, in denen ein glamouröser bewaffneter Kampf gezeigt wird (wie die Rote-Armee-Fraktion mit Glitzer). Wir können weiter das Abfeiern von Ausschreitungen von vor vierzig Jahren und von Aufständen auf der anderen Seite des Planeten erwarten (natürlich begleitet von der Verurteilung von Ausschreitungen im Hier und Jetzt – indem mensch über zerbrochene Schaufenster und umgeworfene Zeitungsständer heult). Gewalt wird vertretbar sein, solange sie die Form einer Abstraktion, einer Kunstform, eines historischen Ereignisses oder eines Piepses im globalen Newsfeed annimmt – wenn sie von uns getrennt ist. Sie wird immer abgelehnt werden, wenn es um unseren Alltag geht, wenn wir ihre Akteur*innen werden.
Oder wir können uns innerhalb der Gewalt unseres Alltagslebens im Kapitalismus lokalisieren. Die Erfahrung von Gewalt, die wir auf unserer Haut spüren, wird sich in eine Gewalt übersetzen, die wir in unseren Fäusten spüren, in unseren Armen, unseren Stimmen. Von dort kann Bash Back! in jeder vorstellbaren Art nur die Praxis benennen. Selbstverteidigungsnetzwerke, Kampfclubs, Komplizenschaft, Intimität, Pfefferspray, Körperflüssigkeiten, und ein gesundes Maß an Glitzer. Wir wählen letzteres.
Die Barrikadenfrage.
In dem fortwährenden globalen Bürger*innenkrieg zwischen Kapitalismus und seiner Negation, bleibt uns nur übrig, die Seite zu wählen. Es gibt die Seite auf den Barrikaden (wo du mich immer finden wirst) oder die entgegengesetzte Seite. Um klar zu sein: Der Gegensatz zu den Barrikaden ist immer eine Befürwortung der Ordnung; immer an der Seite der Polizei, der Queerbasher2, der Richter*innen und der Geschworenen, der Gefängnisse, des Staates. Also, wo werden wir dich finden? Unter dem Gesindel oder in einer Linie mit den Petzen und den guten Imperiumsbürger*innen?
Ein*e Freund*in schrieb aus Griechenland bezüglich einem neu übersetzen Text über den Aufstand:
„Ich frage mich, ob es überhaupt wert ist, einen Text, der Barrikaden feiert, Leser*innen zu präsentieren, die die Konstruktion solcher in den Straßen von Chicago verurteilen. In meinen Augen ist das Einzige, das schlimmer sein kann, für „Anstatt eines Schlusses“ als ein exotischer Applaus gegenüber Barrikaden, Ausschreitungen und Straßenschlachten, die ausschließlich an Orten und Leben weit weg von unserem Eigenen stattfinden, betrachtet zu werden. Glücklicherweise und auf der anderen Seite gab es diese, die die banale Kritik der „Anarcho-Liberalen“ missachteten und Barrikaden errichteten, um für einmal den Griff des Staates auf ihre gesamte Existenz zu erschweren. Lassen wir‘s. Was auch immer geschieht, eine Trennung ist unvermeidbar. Eine Trennung, damit die müde Diskussion darüber, ob mensch Barrikaden bauen sollte oder nicht, zum Schweigen gebracht werden kann wie eine betrunkene Person, die eine unangemessene Trauerrede auf einer feierlichen Beerdigung hält. Eine Spaltung, damit wir mit den wichtigen Fragen weitermachen können, damit wir uns weigern können die Moralität von Barrikaden zu bedenken, und uns ausschließlich korrekt damit auseinandersetzen können wie wir sie größer, stärker, schrecklicher machen können, damit die Alleen der Metropolen so unkontrollierbar werden wie ein Naturelement.“
Was bedeutet es Widerstand gegen Unterdrückung zu leisten?
Wird unsere Arbeit gegen Unterdrückung die gleichen müden Formen von Ausschüssen und schuldbeladenen Ally Workshops annehmen? Werden wir schlichtweg die extreme Avantgarde derselben nutzlosen Identitätspolitik sein, die von Professor*innen liberaler Studiengänge in jeder Universität im Land ausgekotzt wird? Werden wir die Formeln wieder und wieder wiederholen, die uns enttäuschen? Oder können wir uns etwas anderes vorstellen?
Um es zu betonen: die Kräfte, die unsere Leben besetzen, sind gleichzeitig alle allgegenwärtig und winzig. Schrecklich und doch unsichtbar. Eine Totalität und eine Multipilizität. Das Monster, das die Welt zerstört, ist das gleiche Monster, das uns dazu bringt unsere Körper zu hassen, uns Geschlechterrollen zu unterwerfen [enslaves us to gender], das unsere Begehren verwüstet. Diese Gesellschaft zurückzuweisen braucht neue Waffen. Lasst uns mit humanem Streik3 beginnen; alles andere muss erst noch entwickelt werden.
Was ist unser Ziel?
Die Antwort auf diese Frage deutet auf den ganzen Rest hin und determiniert ihn. Wollen wir eine nettere, freundlichere, diversere, inklusive, radikale, hyper-mediatisierte, weniger abgefuckte Version dieser Gesellschaft? Oder wollen wir zusehen, wie diese brennt? Sind wir an Fortschritt interessiert oder an einem Bruch? Geben wir uns mit All Dem In Ein Bisschen Anders zufrieden? Oder sind wir unersättlich? Wenn du dir einen queeren Kapitalismus wünschst, bleib bitte zuhause. Wenn du den Kapitalismus zerstören willst, sehen wir uns in Denver!
1Die Republican National Convention und die Democratic National Convention sind alle vier Jahre stattfindende Parteitage, um die Kandidat*innen der Republikanischen bzw. der Demokratischen Partei für die Wahl zum*r Präsidenten*in und Vizepräsidenten*in der Vereinigten Staaten zu nominieren und das Parteiprogramm festzulegen.
2Als „queer bashing“ wird das Zusammenschlagen queerer Personen bezeichnet.
3„Grève humaine“, „human strike“: eine allumfassende Verweigerung der Rollen, die einer*m von der Gesellschaft auferlegt sind. Im Gegensatz zum klassischen Arbeiter*innenstreik umfasst der Humane Streik alle Lebensbereiche und kann sich je nach Rollen und Erwartungen auch durch starke Aktivität und Arbeit als auch durch Arbeitsverweigerung ausdrücken.
Entnommen aus Das Patriarchat abfackeln.